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3 Fragen an Carmen Stadelhofer zur Biografiearbeit mit älteren Menschen

Interview: Bettina Ellerbrock

Forum Seniorenarbeit:
Im WS 97/98 wurde am ZAWiW das Projekt ZeitzeugenArbeit gestartet, das  zum Ziel hat, in einer schnelllebigen Zeit die Lebensumstände und -erfahrungen älterer Menschen - als ZeitzeugInnen - in verschiedenen historisch wichtigen Zusammenhängen zu sammeln, zu dokumentieren und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Können Sie uns ein wenig genauer erklären, was "Zeitzeugenarbeit" ist, was sie will und was sie tun kann?

Carmen Stadelhofer:
Der Arbeitskreis (AK) „ZeitzeugenArbeit“ existiert seit 8 Jahren. Er ist einer der 14 Arbeitskreise „Forschendes Lernen“ am ZAWiW. Gemeinsam dachten die Gründungsmitglieder darüber nach, ob und was „die Alten“ noch zu sagen haben und wie sie ihre Erfahrungen und ihr Wissen an Jüngere weitergeben können nach dem Motto „Fragt uns, solange es uns noch gibt“.
Die Gruppe umfasst heute über 16 feste und ca. 15 punktuell mitarbeitende Mitglieder, die sich regelmäßig treffen. Die Teilnehmenden arbeiten im Plenum und in thematischen Untergruppen, um ihre Lebenserfahrungen im Kontext gesamtgeschichtlicher Zusammenhänge zu reflektieren, (neu) zu bewerten und durch anschauliche Berichte jungen Menschen geschichtliche Ereignisse zu erschließen. Sie wollen „DER GESCHICHTE EIN GESICHT“ geben. Sie suchen das Gespräch mit allen Generationen, besonders aber mit Kindern und Jugendlichen. Dabei werden die Kinder/Jugendliche auch als ZeitzeugInnen betrachtet, nämlich ihrer Zeit. Sie können den Älteren helfen, „ihre“ Welt kennen zu lernen und vielleicht auch zu verstehen. Die Gruppe hat den Namen „Arbeitskreis ZeitzeugenArbeit“ gewählt, denn allen Mitgliedern ist bewusst, dass, soll der Dialog Alt –Jung gelingen, neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt und die einzelnen Treffen inhaltlich und methodisch vorbereitet werden müssen.

Handlungsfelder des Arbeitskreises „ZeitzeugenArbeit“ am ZAWiW:

  • Begegnungen zwischen Mitgliedern des AK „ZeitzeugenArbeit“ und SCHULKLASSEN (in Ulmer und Neu-Ulmer Haupt- und Realschulen, Gymnasien, Berufsschulen.)
  • Regelmäßige Durchführung von ERZÄHLCAFES in stadtteilbezogenen Bürgerhäusern, Museen und punktuellen Erzählcafés, z.B. bei den vom ZAWiW initiierten „Ulmer Tag der Generationen“, etc.
  • VIRTUELLE ZETZEUGENARBEIT durch Nutzung der neuen Medien. Das Internet ermöglicht mit Jugendlichen außerhalb von Ulm in Dialog zu treten. So sind bereits mehrere Lernprojekte mit Schulklassen aus ganz verschiedenen Ecken Deutschlands durchgeführt worden.
  • Erstellung von MATERIALIEN zur Nutzung für den Unterricht und zur individuellen Nutzung für LehrerInnen, SchülerInnen, sowie Interessierten anderer Generationen
  • ZeitzeugInnen als BERATER/ -INNEN von SchülerInnen bei deren Recherchen in der schulischen und außerschulischen Projektarbeit.

Themenschwerpunkte sind die Kriegs- und Nachkriegszeit, aber auch Themen entlang des Alltags (z.B. Familie, Musik, Traditionen und Rituale, Schule - früher und heute, Technikentwicklung, Migration). Darüber recherchiert ein Teil der Mitglieder des Arbeitskreises sehr intensiv selbst über die Themen, über die sie berichten. Aus dieser Arbeit sind mehrere Broschüren entstanden zur Kriegs- und Nachkriegszeit im Ulmer Raum, die nicht nur bei Älteren, sondern auch in Schulen großes Interesse finden. Der AK wird von einer Mitarbeiterin des ZAWiW begleitet und es werden immer wieder gruppenspezifische Fortbildungen durchgeführt.

Forum Seniorenarbeit:
Welche Menschen haben sich am Projekt beteiligt? Konnten Sie bei den Beteiligten eine "typische" Motivation für diese Art von Arbeit erkennen?

Carmen Stadelhofer:
Die ZeitzeugInnen der Ulmer Gruppe verstehen ihre Arbeit als freiwilliges bürgerschaftliches Engagement, in das sie viel Zeit und persönliches Engagement einbringen. Ihre Motivation ist, wie oben schon gesagt, in einer schnelllebigen Zeit der „Geschichte ein Gesicht geben“ und durch die gemeinsamen Gespräche mit jüngeren Menschen auch Verantwortung für die Zukunft mit zu übernehmen. Dieses Engagement ist zeitaufwendig, da eine gute ZeitzeugenArbeit in der Gruppe die Vor – und Nachbereitung der einzelnen Aufgaben erfordert, aber auch eine gute Zusammenarbeit mit LehrerInnen und anderen Verantwortlichen der jeweiligen Einrichtungen. Die umfangreichen Recherchen, die der Arbeitskreis selbst übernimmt, und deren Dokumentation kosten natürlich auch viel Zeit. Aber alle haben offensichtlich Freude an der Sache, die Älteren können ihre Erfahrungen und Kompetenzen weitergeben und selbst viel Neues lernen. Sie bleiben in einem lebendigen Dialog mit jüngeren und älteren Menschen zu Themen ihres Interesses. Wenn SchülerInnen sagen „so macht Geschichte endlich mal Spaß“ ist das eine wunderbare Bestätigung, dass der Weg richtig gewählt ist. Durch die gemeinsame Arbeit mit den jungen Menschen werden oft auch die Bilder voneinander revidiert und ausdifferenziert, was ja in einer Gesellschaft, die voller stereotypen Zuschreibungen von „Alter“ und „Jugend“ geprägt ist, besonders wichtig ist.

Forum Seniorenarbeit:
Können Sie kurz einige methodisch/didaktische Grundregeln skizzieren, die es für diese Arbeit zu beherzigen gilt?

Carmen Stadelhofer:

  • Die Auswahl der Themen hängt mit der in der Gruppe „ZeitzeugenArbeit“ vorhandenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen zusammen, aber auch mit Überlegungen, über welche Themen Ältere und Jüngere ins Gespräch kommen können. Einerseits bieten sich Themen über die Vergangenheit an, andererseits aber auch über die Jetzt-Zeit und die Zukunft. (z.B. "Jugendverführer" früher - "Jugendverführer" heute, "Währungsreform“ - Einführung des "Euro", Grenzen räumlich/zeitlich/in den Köpfen- früher und heute, „Fremdsein - Neue Heimat Ulm“).
  • Der Zeitzeuge/ die Zeitzeugin sollte so erzählen, dass man das Wesentliche vom Unwesentlichen trennt, damit es für andere, vor allem für die ganz junge Generation auch hörenswert und informativ ist. Auch überlegt die Gruppe, wie man den Inhalt altersgemäß aufbereiten und durch anschauliche Materialien zugängig machen kann.
  • Im Erzählcafé wird bewusst subjektiv Erlebtes zu einem bestimmten Thema von ganz verschiedenen Personen weitergegeben. Die Erzählungen sollen Interesse wecken und einen Einblick in die Alltagsgeschichte geben und keinesfalls belehrend oder gar moralgetränkt sein. Um das zu erreichen, haben sich die ZeitzeugInnen am ZAWiW für die Erzählcafés vorbereitet: der Umgang mit den eigenen Erfahrungen wurde geübt, d.h. Erinnerungen wurden in der Gruppe geordnet (auch die dazugehörenden Emotionen) und auf die jeweilige Zielgruppe abgestimmt, je nachdem, ob man es mit jungen SchülerInnen zu tun hat, mit Abiturienten, oder z.B. mit der ansässigen Gruppe des „Deutschen Frauenring“. Die Dauer einer Einzel-Erzählung sollte nicht länger als 5 min. sein, die Einführungserzählung max. 15 min. Eine gute Moderation ist erforderlich. Dazu hat das ZAWiW zwei Moderationsseminare durchgeführt.

Mehr Infos: www.zeitzeugenarbeit.de

Für Nachfragen und Kontakt: info@zawiw.de

Carmen Stadelhofer
Leiterin des AK „ZeitzeugenArbeit“ am Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (ZAWiW) der Universität Ulm , www.zawiw.de

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Autor: Bettina Ellerbrock